democracy sells .. not.
Eigentlich nicht verwunderlich: was als “Befreiung aus einer Diktatur” betitelt und als “Demokratisierung” verkauft wurde, ist noch lange nicht vorbei. Afghanistan, nach langer Zeit wiedereinmal in den Schlagzeilen, muss in einer paradoxen Situation geführt werden. Zum einen gilt die - durch Bedingungen der westlichen “Befreier” - festgelegte Staatsform einer Republik nach westlichem Vorbild, zum anderen parallel dazu die Scharia. Dass sich nach Menschenrecht definierte Religionsfreiheit und Scharia in einigen Punkten ziemlich grossflächig in die Quere kommen, scheint den Initianten nicht wirklich klar gewesen zu sein.
Die ganze Geschichte um den zum Christentum konvertierten Muslim zeigt ja nur zu schön, wie paradox die ganze Sache eigentlich sein muss. Und seien wir ehrlich, wenn wir ein Gesetz hätten - ein für uns absolut gerechtfertigtes - welches auf Druck der östlichen Grossmächte ausser Kraft gesetzt würde .. das würde wohl einige Gemüter heiss werden lassen, auch hier. Das wäre nichts als eine Selbstschutzfunktion.
Ich frage mich, welche Form des öffentlichen Zusammenlebens in einer über Jahrhunderte durch islamisches Recht regierten Region schlussendlich das meiste Durchsetzungsvermögen hat. Vorallem, da die politische Kultur Afghanistans unter der Herrschaft der Taliban eine offensichtliche Gehirnwäsche erlitten hat. Rechtsformen können nur schwierig aufgezwungen werden. Veränderungen müssen durch den Willen des betroffenen Volkes selbst herbeigeführt werden. Das wird jedoch frühstens von einer der nächsten Generationen erreicht werden können. Die Generationen, welche unter der fundamentalistischen Führung der Tabliban herangewachsen sind, wird es wohl kaum erklärbar sein, dass ein demokratisches und nach für uns alltäglichen Regeln - wie international anerkannten Menschenrechte (gut, ich kenne noch eine andere, westliche, demokratische Grossmacht, welche sich einen Dreck um Menschenrechte kümmert ..) - ein langfristiger Ersatz für ihre gewohnten - und über lange Zeit gelebten - Regeln des Zusammenlebens darstellen kann.
Hätten die Bürger der DDR nicht selbst den Willen zur Veränderung gehabt, wäre es wohl nie zu einem Fall der Mauer gekommen. Wahrlich nicht der beste Vergleich, aber trotzdem verdeutlicht es aus meiner Sicht die gegebenen Verhältnisse.
Der Westen hat seine Demokratisierung nicht von einer anderen Grossmacht aufgedrückt bekommen, es war eine Bewegung, welche von der Basis aus stattgefunden hat. Hätten wir anstatt einer französischen Revolution eine Besatzung des osmanischen Reichs mit Einführung der Scharia als Rechtsform durchlebt, hätten wir uns solange es möglich wäre dagegen gesträubt und gewehrt. Es würde sich lohnen für alle Extrem-Demokratisierer einmal die Perspektive um 180° zu drehen. Aber das ist wohl ein zu philosophischer Ansatz für eine Weltordnung, in der die Demokratie im Prinzip nur noch dazu da ist, als Deckmantel für die sekundären Ziele einer Invasion - oh, Pardon, “Befreiungsstrategischen Angriffstaktik” - herzuhalten.
Man darf da denken was man will. Schlussendlich wird es wohl noch lange gehen, bis je einmal eine Bewegung im nahen Osten entsteht, welche grossflächig eine Liberalisierung und Trennung von Religiösem und Politischem zum Ziel hat. Man darf gespannt sein.
Was in Afghanistan so gelaufen ist (und zum Grossteil den Sprung auf die Titelseiten nicht geschafft hat), wird in Radios Blog kompakt zusammengefasst.
